Stellungnahme der ÖGGF zur Relevanz von Geschlechterforschung für eine demokratische Wissenschaft und Gesellschaft
Die Österreichische Gesellschaft für Geschlechterforschung (ÖGGF) verpflichtet sich den Grundsätzen der Academic Democracy und versteht Women’s, Gender and Feminist Studies, Queer Studies, Trans Studies, Postcolonial Studies und Decolonial Studies sowie Intersectionality Studies als zentrale Wissensfelder ebendieser. Academic Democracy beruht auf der Prämisse, dass sich akademische und demokratische Freiheit wechselseitig bedingen und unabdingbar sind für gesellschaftliche Pluralität, Selbstbestimmung und paritätische Teilhabe am öffentlichen Leben. Universitäten und Hochschulen sind demnach nicht nur Orte der Wissensproduktion und -vermittlung, sondern ihnen kommt auch die wichtige Aufgabe zu, sich an der Demokratisierung von Gesellschaft zu beteiligen. Daraus ergibt sich folgender gesellschaftlicher Auftrag: 1) sich an der Produktion von Wissen zu beteiligen, das bestehende Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse sichtbar macht, 2) zu deren Transformation beizutragen und 3) emanzipatorische Äußerungen und Einmischungen von Wissenschaftler:innen zu schützen — als zentrale Übersetzungen zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichem Leben.
Academic Democracy impliziert eine kritische Praxis des Aushandelns und Befragens; sie verpflichtet sich damit dazu, Postulate vermeintlicher ontologischer Wahrheiten zu hinterfragen. Dies reflektiert den Umstand, dass vermeintliche Wahrheiten über Körper, Geschlecht, race, Klasse, Sexualität, Dis_Ability zur Legitimation gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse herangezogen wurden und werden. Solange Politik, Arbeit, Kultur, Öffentlichkeit, Medizin, Recht und weitere gesellschaftliche Bereiche von androzentrischen, cis-heteronormativen, kapitalistischen, kolonialen, ableistischen Epistemologien strukturiert sind, muss jede wissenschaftliche Befassung, die diese Kategorien ausblendet, unvollständig bleiben. Demgegenüber eröffnet die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Kategorien wie Geschlecht, race, Klasse, Sexualität, Dis_Ability die Möglichkeit, wissenschaftliche Fragestellungen und Ergebnisse zu präzisieren. Eine intersektionale Gender-Studies-Perspektive ist daher auch aus wissenschaftsimmanenten Gründen ein wichtiges Element des akademischen Lebens.
Global lässt sich gegenwärtig beobachten, wie Women’s, Gender and Feminist Studies, Queer Studies, Trans Studies, Postcolonial Studies, Decolonial Studies, Intersectionality Studies und verwandte Wissensfelder von rechten, autoritären und (neo-)faschistischen Kräften angegriffen und diskreditiert werden. Diese Angriffe sind grundlegende Angriffe auf Demokratie, da Pluralität und Komplexität unterbunden, Debatten zensuriert, Wissensbestände verboten und Ungleichheit als Prinzip von Gesellschaft und Wissenschaft legitimiert werden sollen. Rechte Wissenschaftspolitiken hüllen sich in das Phantasma, eine vermeintlich politikfreie Wissenschaft zu retten — und installieren dabei autoritäre, anti-demokratische Politiken und Wissensformen.
Die ÖGGF widerspricht entschlossen der autoritären Leugnung der unhintergehbaren Verwobenheit von Wissenschaft und Gesellschaft und leitet aus dieser stattdessen Prämissen für eine wissenschaftliche Praxis ab, die Demokratisierungsprozesse befördert – und formuliert dazu folgende Prinzipien:
— Die ÖGGF steht für die Stärkung emanzipatorischer Forschung und die Dezentrierung hegemonialen Wissens ein, also für einen wissenschaftlichen Prozess der kritischen Erweiterung und (Neu-)Verhandlung bestehender Paradigmen. Dies resultiert aus der überprüfbaren Tatsache, dass traditionelle Wissensbestände die Erfahrungswelten großer Teile der Menschheit ausgeschlossen haben. Academic Democracy ist dieser demokratisch-wissenschaftlicher Korrektur verpflichtet, die Wissenschaft vor Dogmatismus bewahrt.
— Die ÖGGF tritt für pluralistische wissenschaftliche Aushandlungen ein, die Erkenntnis befördern und gesellschaftliche wie epistemologische Ausschlüsse überwinden. Wenn jedoch „Denkverbote“ inszeniert und Begriffe wie „vielfältige Debattenräume“ von rechts instrumentalisiert werden, um Ausschlüsse und überholte Wissensordnungen zu re-legitimieren, so dient dies einzig der Festigung von Herrschaftsansprüchen und steht damit im Widerspruch zu Academic Democracy. Die akute Bedrohung der Academic Democracy geht von einem anti-pluralistischen, anti-intellektuellen Aktivismus aus, der nicht debattieren, sondern ausschließen beziehungsweise eliminieren will.
— Die ÖGGF vertritt ein intersektionales Verständnis von Gender Studies und postuliert die Verflechtung von Geschlecht, race, Klasse, Sexualität, Dis_Ability und postkolonialen Verhältnissen. Die ÖGGF betont, dass die Analyse von verwobenen Herrschaftsstrukturen als wichtige Aufgabe in Forschung und Lehre verankert sein muss, um gesellschaftliche Komplexität und Differenz erfass- und verstehbar zu machen. Entsprechend weist die ÖGGF das Gegeneinander-Ausspielen von verschiedenen Diskriminierungsformen zurück: Wenn Critical Race Theory und Post-/Decolonial Studies gegen Forschung zu Antisemitismus ausgespielt werden oder wenn Queer Studies und Trans Studies im Namen des Feminismus diskreditiert werden, widerspricht dies den Prinzipien von Academic Democracy.
— Solidarische Praxen in Forschung, Lehre und Verwaltung sind für Academic Democracy ebenso zentral wie die Stärkung von Mitbestimmung, Verantwortung und demokratischen Prinzipien in der Wissenschaft. Besonders wichtig ist dabei die Solidarität mit allen Angehörigen der Universität – Studierenden, Lehrenden, Forschenden und Verwaltungsmitarbeitenden –, die aufgrund ihrer Kritik an autoritären (Wissens-)Politiken Diskriminierung, Diffamierung und/oder Bedrohungen ausgesetzt sind.
Stand: 25. September 2025